Auf dem Papier mischen – spektakulär!
Ich glaube, wir haben beim Aquarell alle einen kleinen Widerspruch im Kopf.
Wir möchten locker malen. Aber bitte mit einem kontrollierten Ergebnis.
Wir möchten den Farben Freiheit geben – aber natürlich sollen sie genau dorthin fliessen, wo wir sie haben wollen.
Und wir lieben den Zufall – solange er sich gefälligst an unsere Pläne hält.
Kommt dir das bekannt vor?
Mir jedenfalls sehr.
Auf dem Papier mischen – die locker-leichte Aquarellskizze
Ich liebe es, Farben direkt auf dem Papier zu mischen. Denn sobald wir nicht jede Farbe fertig auf der Palette anrühren, passiert etwas Spannendes:
Das Wasser übernimmt einen Teil unserer Arbeit.
Farben laufen ineinander, Übergänge und kleine Unregelmässigkeiten entstehen.
Das Bild bekommt Eigenleben.

Location: Rheinfelden an der Brücke.
Das sieht man hier wunderbar: Die Farben des Baumes laufen ganz von selbst ineinander. Ein grosser Pinsel, ein paar Farben locker aufs Blatt und dunklere Töne hinein.
Das ist schnell und Spass pur!
Wer das Mischen auf dem Blatt beherrscht, erzeugt spektakuläre Ergebnisse. Aber ich kenne auch die andere Situation: Plötzlich macht sich das Wasser selbstständig und Farbe läuft quer durchs Bild.
Oh nein! Was passiert denn jetzt?
Dabei weiss ich es eigentlich besser. Ich unterrichte Aquarellmalerei und erkläre anderen Menschen, dass sie Wasser und Pigmente arbeiten lassen sollen.
Ich weiss das alles!
Und trotzdem geht irgendwo in meinem Kopf die Alarmanlage los:
Das wird nichts!
Also greife ich ein. Mein Pinsel schiesst vor und matscht in der Farbe herum. Eigentlich möchte ich doch nur das zarte Grau des Mastes in die Wellen ziehen.

Hier ein bisschen. Da ein bisschen. Noch ein bisschen!
Und aus einer wunderschönen, lebendigen Mischung wird langsam eine kontrollierte Pampe. Schau dir den Mast im Wasser an!
Grauenhaft!
Ich hätte mich in den Arsch beissen können. Und vielleicht musst du gerade lachen, weil du genau weisst, wovon ich spreche.
Denn oft wissen wir ganz genau, was wir tun müssten.
Wir trauen uns nur nicht, es geschehen zu lassen.
Auf dem Papier mischen – Loslassen mit Gefühl
Aquarell malen und gleichzeitig die Kontrolle abgeben – das kann Panikattacken auslösen. Wenn da die Farbe mitten im Bild läuft, müsste ich eigentlich die Hände über die Augen schlagen, damit ich das ertragen kann.
Vielleicht ist genau das unser Problem: mangelndes Grundvertrauen.
Ich kann das gar nicht aushalten, wenn die Farbe da so wild runterläuft.
Dabei muss man sich unter uns Aquarellmalern immer wieder in Erinnerung rufen, dass gerade die schwer auszuhaltenden Techniken oft die besten Aquarellbilder machen.
Die Lösung kann also nicht sein, den Zufall abzuschaffen.

Wir müssen ihm nur einen Rahmen geben. Nicht so viel Kontrolle, dass wir dem Aquarell sein Eigenleben nehmen – aber genug, damit wir nicht die Hände über die Augen schlagen müssen.
Auf dem Papier mischen – Wasser ist der kleine Unruhestifter
Das größte Chaos entsteht beim „Auf dem Papier mischen“ meistens gar nicht durch die Farbe.
Es ist das Wasser.
Ist davon zu viel auf dem Papier, ist es irgendwann, als hätte man einen Farbeimer mitten ins Bild gekippt. Die Farbe suppt los und nimmt keine Rücksicht mehr auf das, was wir eigentlich vorhatten.
Das ist der Moment, in dem aus erwünschtem Zufall schlicht Chaos wird.
Und sofort kommt dieser wunderbare Reflex:
Pinsel rein und retten!
Eins kann ich dir schon mal ganz genau sagen: In den allermeisten Fällen ist hier der beste Tipp einfach:
Pfoten weg!
In 90 Prozent der Fälle ruinierst du das ganze Bild mit deiner Rettungsaktion! Wenn du jetzt in der Farbe herumrührst, erzeugst du einen matschigen Farbbrei – und der ist wirklich nicht schön anzusehen.
Dabei lässt sich das Problem erstaunlich einfach vermeiden:
Wir brauchen ein bisschen Wasserkontrolle.
Ausgerechnet der Wassertopf kann beim „Auf dem Papier mischen“ zum größten Mörder werden. Eigentlich machen wir alles richtig: Wir spülen unseren Pinsel sorgfältig aus, weil wir klare, schöne Farben möchten.
Vollkommen löblich, aber nicht hilfreich!
Denn der Pinsel kommt nicht allein zurück aufs Papier. Er bringt jedes Mal Wasser mit – und davon haben wir dort ohnehin schon genug.
Deshalb mache ich etwas ganz Einfaches: Wenn ich mit dem Pinsel in den Wassertopf gehe, schüttele ich ihn danach aus oder drücke ihn ein wenig aus.
Der Pinsel soll keineswegs trocken sein. Die Farbe soll ja laufen!
Aber sie soll nicht davonrennen.
Ist die Farbe etwas trockener und nicht mehr klatschnass, vermischen sich die beiden Farben sehr schön. Natürlich passieren auch dann kleine Unfälle, aber die bleiben im Rahmen – und genau sie geben dem Aquarell seine spektakuläre Optik.
Klatschnass schaut so aus! Kann aber auch zauberhaft sein!

Feucht gibt dir Kontrolle. Schau in die Bäume!

Bei sehr viel Wasser ist es dagegen wie Milch im Kaffee: Einmal hineingekippt, lässt sich die Mischung nicht mehr aufhalten.
Beim Aquarell möchten wir genau den kleinen Moment davor erwischen. Die Farben sollen sich begegnen, ineinanderfließen – und trotzdem noch etwas von sich selbst behalten.
Nicht weniger Mut. Nur ein bisschen weniger Wasser.
Auf dem Papier mischen – hilfreiche Tipps

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Hier noch weitere Tipps:
Die zweite Farbe darf etwas sämiger sein.
Ist das Papier schon feucht, brauchst du nicht noch mehr Wasser. Setze die nächste Farbe etwas konzentrierter hinein. So entstehen schöne Farbinseln, statt dass alles davonschwimmt.
Schau auf den Glanz.
Glänzt das Papier stark, läuft die Farbe wie verrückt. Wird der Glanz seidig, wird sie ruhiger. Wird das Papier matter, läuft sie kaum noch. Der Glanz ist unsere kleine Fernbedienung für den Zufall.
Pfoten weg vom Pinsel!
Setze die Farbe hinein und lass sie machen. Sobald du anfängst herumzurühren, mischst du wieder selbst – und aus den schönen Zufälligkeiten wird schnell Farbbrei.
Kippe lieber das Blatt.
Will die Farbe nicht dorthin, wo du sie haben möchtest, dann schiebe sie nicht mit dem Pinsel. Kippe das Papier ein wenig. Die Schwerkraft kann erstaunlich gut malen.
Ein letzter Tipp:
Und vielleicht ist das heute mein wichtigster Tipp an dich: Wenn du das nächste Mal vor deinem Bild sitzt und denkst:
„Oh Gott, das wird nichts!“, dann denk an mich.
Mit dem Pinsel in der Hand, dem dringenden Wunsch, irgendetwas zu retten – und hoffentlich inzwischen mit genug Verstand, ihn einfach wieder hinzulegen.
Wir müssen beim Malen nicht immer alles im Griff haben. Vielleicht verbindet uns genau das: Wir lernen gemeinsam, der Farbe ein bisschen mehr zu vertrauen.
Probier es aus. Lass sie laufen.
Ganz liebe Grüße
Tine
P.S.
Du darfst dir diese Grafik sehr gerne ausdrucken oder speichern. Sie stammt aus meinem Unterrichtsmaterial, denn ich möchte, dass du aus diesem Blog wirklich etwas für dein Malen mitnimmst.
Solche Inhalte entstehen allerdings nicht nebenbei. Dahinter stecken viel Arbeit, Erfahrung und Fachwissen. Wenn dir meine Arbeit hilft, unterstütze den Blog bitte mit einer kleinen Spende. So können solche Inhalte weiterhin für alle frei bleiben.

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