Steifes Aquarell, die Technik der alten Leute?! Sehr lustig!
Manchmal habe ich das Gefühl, dass das Aquarell von sehr strengen Eltern erzogen wurde!
Von Menschen, die immer „Vorsicht!“ rufen!
Und deshalb ist es kein Wunder, dass das Aquarell manchmal etwas starr wirkt. Auch Kinder, die von Eltern erzogen wurden, die immer alles kontrollieren wollen, haben das Problem, ins Leben zu kommen!
Viele von uns haben diesen Satz tausendmal gehört:
Beim Aquarell kann man nichts mehr verändern.
„Das Aquarell ist nur etwas für Meister!“
Und dieser Satz wurde wie eine strenge Regel weitergetragen, bis er irgendwann wie ein Gesetz klang. Ein unantastbares Dogma.
Und genau das stimmt: Das Aquarell ist etwas für Meister! Denn genau die scheißen auf die ganzen Regeln und Dogmen rund ums Aquarell.
Die Meister brechen alle Regeln und deshalb sehen ihre Bilder so aussergewöhnlich und begehrenswert aus.
Und genau dieses Dogma hat eine Menge Aquarelle ruiniert – nicht, weil Fehler entstanden wären, sondern weil keine mehr zugelassen wurden.
Die Bilder wurden vorsichtig, zaghaft, steif.
Voller Angst statt voller Leben. Dabei lebt Aquarell doch von nichts so sehr wie vom Mut! Von Wasser, Farbe und Überraschung. Und ja, manchmal auch vom Kontrollverlust.
Die großen Namen, auf die sich alle gern berufen – Turner, Nolde – die haben sich nicht im Mindesten um solche „Regeln“ geschert.
Sie sind zu ihrer Zeit wild angefeindet worden! Und doch ist es ihre Kunst, die die Zeit überlebt hat!
Sie waren wild, frei, neugierig. Diese haben sich nicht als Meister gesehen, sondern als Forschungsreisende. Sie haben ausprobiert, verworfen, neu gedacht. Sie haben gespürt, dass Aquarell nur dann leuchtet, wenn man es auch atmen lässt.
Was viele heute vergessen: Diese Künstler hatten keine Angst vor dem Experiment.
Und Experimente sind nichts anderes als die Einladung an das Aquarell, mitzuspielen. Fehler? Fehlanzeige.
Was wäre Möglich? Wenn Du dich traust?

Die Wahrheit ist: Es gibt unendlich viele Wege, ein Aquarell zu gestalten – und genauso viele, es nachträglich zu verändern. Und genau diese Möglichkeiten machen moderne Aquarellkunst so stark.
Da ist zum Beispiel die sogenannte Salzburger Schule rund um Bernhard Vogel. Eine Generation von Künstlern, die sich nicht einschüchtern ließ. Sie haben gewaschen, gewischt, geschabt, gespachtelt. Sie haben deckende Farben eingesetzt, obwohl früher jeder Lehrer dafür die Hände über dem Kopf zusammenschlug.
Und?! Und siehe da: Das Aquarell ist nicht gestorben. Im Gegenteil – es wurde spannender, gewagter, ausdrucksstärker.
Experimentelles Aquarell -Was geht für Dich?
Deckende Farben im Aquarell?
Früher ein Tabubruch. Heute ein kraftvolles Ausdrucksmittel. Es gibt viele Methoden, deckende Farben im Aquarell zu benutzen. Diese Farben lassen sich besser auswischen, also nachträglich verändern.
Und sie sind hervorragend, wenn man über der ersten transparenten Lasur des Aquarelles malt!
Trotzdem gibt es ein No-Go!
Beim Mischen darf man diese Farben nicht mit allen transparenten Farben mischen, wenn es leuchten soll!
Dann werden alle Farben matt!
Mein Tipp: Das Auge liebt Kontraste. Klare, leuchtende und transparente Farben sollten neben matten und grauen Farben stehen. So kann man mit dem Unterschied in der Wirkung spielen.
Aquarell Experimentell: Auswaschen? Früher undenkbar.

Heute eine Methode, um Licht wieder hervorzuholen. Eine eigenständige Technik! Wischen? Früher verpönt.
Heute ein Werkzeug, um Bewegung ins Bild zu bringen.
Mein Tipp: Lass die Farbe trocknen. Beim Auswischen erzielt man die besten Ergebnisse, wenn man klares Wasser auf trockene Farbe gibt und dann wischt.
Aquarell experimentell – die Liste der Möglichkeiten wächst!
Und das ist nur der Anfang. Die Liste der Techniken wächst ständig. Warum? Weil Künstler mutig genug sind, Grenzen zu überschreiten.
Und weil das Aquarell genau das braucht, um zu leben.
Das Aquarell war die Technik der Spießer und wird nun zur Technik der Revoluzzer!
Farben dürfen laufen und man schafft daran:

Trau dich, deine Farben ausbluten zu lassen. Mein Tipp: Dir gefällt ein Farbauftrag nicht? Schieß mit der Sprühflasche drauf wie mit einem rauchenden Revolver! Trau dich, zu schichten. Zu kratzen. Zu übermalen. Das Blatt ist kein Heiligtum, es ist ein Spielfeld.
Es geht nur darum, tolle Farben und gute Kontraste zu erzeugen.
Und die vermeintlichen Fehler? Offene Stellen im Aquarell? Das sind oft die Stellen, an denen etwas Neues beginnt.
Hier blitzt das Licht!
Aquarel experimentel -Dein Fehler, ist die größte Chance etwas zu entdecken!
Wenn du also das nächste Mal malst und etwas läuft nicht wie geplant,
dann atme einmal tief durch – und begreife es als Einladung.
Nicht ärgern, sondern flirten! Das Spiel ist es, was Menschen vorangebracht hat!
Und hier mein letzter Tipp: In der Tradition des Aquarells wurden viele Dinge verboten. Manchmal aus gutem Grund! Manchmal aus Idiotie.
Die großen Meister des Aquarells scheren sich nicht um diese Regeln. Sie malen alle mit deckenden Farben, sie waschen aus. Sie finden ihren Weg, sich auszudrücken. Fehler sind kein Scheitern. Fehler sind der normale Weg des Lernens!
Sieh es als Chance. Als Startpunkt für ein Bild, das mutiger, lebendiger und kraftvoller wird, als du es dir vorgenommen hast.

Geh spielerisch heran. Sei neugierig. Und vor allem: Mach es einfach – und schau, was daraus wird. Und teste es, brich die Regeln!
Was soll denn passieren?
Es klingelt an der Tür, ein Mann mit schwarzem Ledermantel steht davor: „Guten Tag, Kripo Aquarell! Wir wissen von Informanten, in diesem Haus wurde mutwillig eine Aquarellregel gebrochen!“ Hau ihm die Tür vor der Nase zu!!!! Wer Verbote macht, hat etwas Grundlegendes an der Freiheit der Kunst nicht erkannt!
Liebe Grüße
Tine
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