Weiche Kanten im Aquarell! Dem Wahnsinn nahe?
In diesem Bild gibt es eine Menge harter Farbkanten, aber auch weiche Kanten, denn nur so wird Licht glaubhaft. Dazu aber später.

Generell ist das Erzeugen von weichen Kanten im Aquarell nichts Schwieriges. Oft wird behauptet, das sei die hohe Kunst, aber das ist mal wieder ein Märchen von Leuten, die nur ein begrenztes Wissen über das Aquarellieren haben.
Aquarellieren ist im Grunde eine einfache Sache, wenn man die richtige Technik anwendet.
Wann entstehen harte Kanten?
Harte Kanten entstehen im Aquarell eigentlich immer, wenn man mit einem feuchten Pinsel auf trockenem Papier malt.
Oft möchte man aber keine harten Kanten. Der Hauptgrund dafür ist, dass harte Kanten sehr unnatürlich wirken. Sie lassen Aquarelle auseinanderbrechen, weil jedes einzelne Teil eine harte Kante bekommt – und das sieht dann eher aus wie ein Puzzle.
Weiche Kanten wirken natürlich!
Deshalb macht man die Kanten weicher. Man mildert sie so, dass ein sanfter Übergang zwischen hell und dunkel entsteht.
Im Deutschen gibt es für weiche Kanten leider keinen klaren Fachbegriff.
Man spricht vom Kantenbrechen, von verlorenen Kanten oder auch von „Blending“. Der Begriff kommt daher, dass es wirkt, als sei ein Weichzeichner über das Bild gegangen – es entstehen sanfte Übergänge.
Diese Technik hat jedoch einen sehr schlechten Ruf, weil sie einem den letzten Nerv rauben kann.
Doch aufgepasst: Es handelt sich hier nicht um eine einzige Technik, sondern um ein ganzes Bündel von Methoden! Und nicht alle sind nervenaufreibend.
Weiche Kanten – Methoden und Resultate
Ein kurzer Überblick über die Techniken, die weiche Kanten erzeugen:
Methode 1: gewässertes Papier
Die erste Lösung ist, nass in nass zu malen. Dafür wird Baumwollpapier angefeuchtet, und man kann dann in aller Seelenruhe darauf malen – die Kanten bleiben weich.
Vorteil: Das feuchte Papier gibt dem Maler viel Zeit und Ruhe zum Arbeiten.
Ungeübten Malern kann es dabei passieren, dass das Bild im wahrsten Sinne des Wortes wegfließt. Denn weiche Kanten sind weich, aber nicht formlos! Für diese Technik braucht man sehr viel Timing. Am besten klappt es, wenn man immer auf dem gleichen Papier arbeitet.
Für Eilige oder für Menschen, die gerne draußen arbeiten, ist diese Technik ebenfalls ungeeignet, denn so feuchtes Papier trocknet sehr langsam.

Methode 2: feuchte Übergänge
Die zweite Technik ist ebenfalls einfach:
Man setzt zwei feuchte Flächen nebeneinander.
Die Pigmente kriechen dann langsam aus der Farbe heraus, es bildet sich eine Übergangszone, und weiche Kanten entstehen. Das funktioniert wunderbar – doch das Timing ist anspruchsvoll. Die dunklere Fläche muss leicht antrocknen, bevor man im richtigen Moment die nächste feuchte Fläche ansetzt, sodass die Pigmente langsam „herauswandern“.
Diese Technik kann einen jedoch schier wahnsinnig machen, besonders bei komplexen Motiven.
Dann gleicht sie einem Wettkampf – nein, eher einem Kriegsschauplatz, auf dem ein einzelner Sanitäter viele Verletzte gleichzeitig versorgen muss und dabei noch den perfekten Zeitpunkt treffen soll.
Vielleicht wird bei dieser Beschreibung klar, warum die Techniken des Verblendens einen so schlechten Ruf haben:
Sie rauben einem den letzten Nerv. Das Malen verliert seinen Genuss und wird zu einer hektischen Jagd, bei der man alles gleichzeitig im Blick behalten muss – und zwangsläufig irgendwann den Überblick verliert. Frustrierend!
Diese beiden Techniken sind es, die dazu führen, dass nur wenige Menschen das Kantenbrechen wirklich gut beherrschen.
Doch wer im Aquarell zur Meisterschaft gelangt, macht sich das Leben oft deutlich leichter.

Schau nach der 2! Diese Technik macht die schönsten und natürlichsten Übergänge.
Technik 3: Kantenbrechen mit dem Flachpinsel
Das Kantenbrechen lässt sich nämlich auch mit einer ganz einfachen Technik umsetzen – ganz nebenbei.
Hier seht ihr ein Motiv aus Bologna. Die Perspektive ist höllisch kompliziert, und nebenbei sind etwa 30 Kanten zu brechen, damit ein überzeugendes Licht entsteht.
Was tun? Den Kopf auf den Tisch schlagen und hysterisch schreien?
Quatsch! Wir benutzen die einfache Methode.
Wir brauchen:
• Sauberes Wasser
• Einen weichen Lappen
• Einen steifen Flachpinsel mit Synthetikhaar
• Ein gutes, robustes Aquarellpapier (auf ganz unversiegelten Papieren – oft Baumwollpapiere – funktioniert es nicht gut)
Wie funktioniert es nun mit den weichen Kanten?
Erst einmal: entspannen. Kaffee trinken, Füße hochlegen
– das Bild muss vollständig durchtrocknen. Erst wenn die Farbe wirklich trocken ist, geht es los.
Man macht einen Flachpinsel mit guter Spitze leicht feucht und benetzt damit das Papier. Anschließend wischt man die Farbe mit einem trockenen Lappen vorsichtig ab.
Vorsicht mit der Präzision – nicht wie ein Putzteufel!
Logischerweise arbeitet man dabei immer in die dunklen Pigmente hinein
– im hellen Bereich entstehen sonst unschöne Schmierflecken.
Jetzt ist bereits ein Teil des Pigments entfernt.
Weiche Kanten entstehen dadurch, dass es keinen harten Übergang mehr zwischen heller und dunkler Farbe gibt.
Ist nach dem Abwischen noch eine Kante sichtbar, kann man vorsichtig etwas Pigment aus der dunkleren Fläche in die helle Fläche ziehen.

Sanftheit durch Wischen. Dort, wo du die 3 siehst, und in den Bögen der Laubengänge wurden weiche Kanten durch Wischen erzeugt. Schnell und auch nicht zu verachten!
Zusammenfassung – wo liegen die Stolpersteine der trockenen Technik mit Flachpinsel?
Generell ist diese Technik einfach, schnell und praktisch:
• Der Pinsel ist zu feucht und gibt unkontrolliert Wasser ab. Ergebnis: Es wird fleckig. Lösung: Pinsel gut abtrocknen und nur leicht feucht verwenden.
• Das Papier wird beschädigt, weil zu stark geschrubbt wird. Der Trick ist, die Feuchtigkeit aufzutragen und das Pigment sanft abzuheben. Deshalb heißt die Technik im Englischen „Lift and Blend“.
• Zu großflächiger Einsatz: Wenn man große Flächen aufhellt, entstehen zwar weiche Kanten, aber auch ein matschiges Farbbild – graue, stumpfe Bereiche sind die Folge.
• Pinsel ohne Spitze wirken schnell grob. Es geht hier um präzises Nacharbeiten – nicht ums Verschmieren.
Viel Spaß beim Nachmachen!
Tine
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„Viele meiner Inhalte sind frei zugänglich – weil ich möchte, dass möglichst viele Menschen malen und entdecken können.
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